"Tschacka, du schaffst es" und "Nichts ist unmöglich" – mit solchen Parolen versuchen viele Motivationstrainer ihre Zuhörer davon zu überzeugen, dass sie jedes Ziel erreichen können, wenn sie nur fest genug daran glauben. Sind mithilfe des positiven Denkens wirklich alle Probleme lösbar?
Jeder glaubt zu wissen, worum es bei dem Thema geht. Als Erstes kommt dann oft der Vergleich mit der rosaroten Brille. Doch das ist nicht alles: „Wer positiv denkt, traut sich viel zu, schätzt sich positiv ein und erwartet positive Ergebnisse“, erklärt Astrid Schütz von der TU Chemnitz.
Die Professorin für Persönlichkeitspsychologie nennt drei Formen des positiven Denkens: „Das wird schon gut gehen“ – wer so an die Dinge herangeht, hat die Zukunft im Blick. Im zweiten Fall spielt sich das Ganze in der Gegenwart ab. Dann glauben die Menschen, dass sie den Lauf der Dinge durch ihr Handeln selbst bestimmen können. Beispiel: „Vor einem Autounfall kann ich mich am besten schützen, indem ich umsichtig fahre.“
Die dritte Form des positiven Denkens hängt damit zusammen, wie sich Personen das Zustandekommen von Ereignissen erklären – sie schließen dabei von der Vergangenheit auf die Zukunft. „Ich habe einen guten Vertrag ausgehandelt, weil ich prima mit Menschen umgehen kann. Die nächste Verhandlung wird deshalb auch erfreulich verlaufen“, heißt es dann etwa, um den eigenen Erfolg zu erklären. Unangenehme Begebenheiten hingegen haben vorübergehende Gründe: „Ich bin durch die Prüfung gefallen, weil mich der Baustellenlärm abgelenkt hat. Das nächste Mal klappt es besser, weil es dann wohl wieder ruhig sein wird.“
Psychologen konnten nachweisen, dass das positive Denken eine genetische Komponente hat: Eineiige Zwillinge sind sich in dieser Hinsicht nämlich ähnlicher als zweieiige. Ob jemand eine grundsätzlich positive oder negative Lebenseinstellung entwickelt, hängt aber auch von seinen Erfahrungen ab. Ein „Umpolen“ ist deshalb bei Erwachsenen nur schwer möglich: Wer sich zu einem ausgesprochenen Pessimisten entwickelt hat, wird sich kaum noch in einen überzeugten Optimisten verwandeln können.
Mithilfe einer speziellen Form der Verhaltenstherapie lässt sich die Denkweise dennoch schrittweise beeinflussen – vor allem, wenn eine Person zu grundlos negativen Annahmen neigt. Der Therapeut inszeniert dann zum Beispiel ein Streitgespräch über die Behauptung „Ich werde nie mehr einen Partner finden“ und konfrontiert den Klienten mit Gegenbeweisen, Alternativen oder absurden Behauptungen. Er provoziert ihn so lange, bis offensichtlich wird: „Na ja, vielleicht habe ich ja doch ganz gute Chancen, noch jemanden zu finden, der zu mir passt.“
Erstaunlich: Optimisten wechseln ihre Denkweise manchmal abhängig von der jeweiligen Situation: Meist sind sie aufgrund ihrer Erfahrungen davon überzeugt, dass ein Projekt gut ausgehen wird. Es kommt aber auch vor, dass sie sich vorab überlegen, was alles passieren könnte und wie sie dann damit umgehen würden. Aufmunternde Sprüche wie „Das schaffst du schon“ nerven dann meist. „Da hilft es nur, den anderen einfach reden zu lassen“, empfiehlt Expertin Astrid Schütz.
Das positive zukunftsbezogene Denken erforschte Professorin Gabriele Oettingen genauer. Die Motivationspsychologin an der Universität Hamburg beobachtete in Studien, dass weder das Schwelgen über die erwünschte Zukunft noch das Grübeln über die widrige Wirklichkeit dazu führt, aktiv zu werden. Erst wenn wir unser Bild über die positive Zukunft den bestehenden Hindernissen gegenüberstellen, wird uns klar, dass wir handeln müssen, um die erwünschte Zukunft zu erreichen. Die Wissenschaftlerin nennt das „mentales Kontrastieren“.
Dass diese Vorgehensweise tatsächlich funktioniert, wies die Forscherin etwa bei Schulkindern und Jugendlichen nach, die damit bessere Leistungen erzielten, sowie bei Erwachsenen, die sich persönlich oder beruflich veränderten. „Die Methode des mentalen Kontrastierens bewährt sich vor allem in Kombination mit guten Vorsätzen. Solche Wenn-dann-Pläne helfen später in schwierigen Situationen“, sagt Gabriele Oettingen.
Optimisten sind aktiv
Viele Studien zeigten, dass es Optimisten leichter im Leben haben, weil sie meist positiv denken: Sie kümmern sich aktiv um ihre Gesundheit, beugen dadurch körperlichen Beschwerden vor oder beschleunigen die Genesung. „Positives Denken wirkt auch hilfreich, weil es das Immunsystem stärkt, den Umgang mit Belastungen unterstützt und dazu beiträgt, sich mit anderen Menschen gut zu vernetzen“, erklärt Astrid Schütz. Sie fügt hinzu, dass es so leichter sei, Ziele zu erreichen, etwa bessere sportliche Leistungen zu bringen oder in Ausbildung und Beruf erfolgreicherzu sein. „Mit einer optimistischen Lebenseinstellung lassen sich leichter Sympathien gewinnen, und in Liebesbeziehungen sind die Partner oft zufriedener.“
So hilfreich das positive Denken ist, es hat auch negative Seiten: Optimisten sind eher gefährdet „auszubrennen“, weil sie – zukunftsorientiert – sich kaum Pausen gönnen und selbst bei großen Belastungen weitermachen. Pessimisten dagegen hören früher auf, sich anzustrengen, und erholen sich daher schneller.
Studien mit Patienten, die an rheumatoider Arthritisleiden, zeigen ähnliche Ergebnisse: Wer positiv denkt, weil er überzeugt davon ist, die Dinge durch eigenes Zutun kontrollieren zu können, kann schlechter mit einer nicht selbst verschuldeten Krankheit umgehen. Er wirft sich vielleicht vor: „Wenn ich mehr Sport getrieben oder mich gesünder ernährt hätte, wäre ich gesund geblieben.“ Menschen, die an das Schicksal glauben, kommen mit chronischen und unheilbaren Krankheiten besser zurecht.
„Unter gewissen Umständen kann das positive Denken sogar schädlich sein, denn es kann zu Sorglosigkeit, Leichtsinn, ungesundem Verhalten und Passivität führen“, weiß Schütz. Sie empfiehlt deshalb, die eigene Einstellung zu hinterfragen und möglicherweise zu handeln, wenn Glaubenssätze das Leben bestimmen wie: „Ich lasse Zweifel erst gar nicht zu“ oder „Ich sehe zwar einige Probleme auf mich zukommen, hoffe aber, dass sie sich in Luft auflösen werden“ oder „RückschlaÅNge machen mir nichts aus. Wer fest genug an sich und sein Ziel glaubt, wird es irgendwann erreichen.“
Karin Hertzer / Apotheken Umschau; 04.01.2010, aktualisiert am 12.01.2012
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